Inhalt

12. Juni 2004. Analysen: Geschichte & Religion - Indien Von "Khalistan" ist in Indien keine Rede mehr

20 Jahre nach der Militäroperation "Blue Star"

Dass ein Sikh jemals Premier Indiens werden würde, hielt vor 20 Jahren niemand für möglich. Denn am 6. Juni 1984 ließ Premierministerin Indira Gandhi den Goldenen Tempel in Amritsar stürmen, das Heiligtum der Sikhs.

Im Unionsstaat Punjab hatten Anfang der 80er Jahre Separatisten immer mehr Anhänger gewonnen. Mit Terror, Gewalt, Erpressungen und Entführungen kämpften sie für einen unabhängigen Staat "Khalistan". Sie ließen Züge entgleisen, Bahnhöfe, Kinos und Zeitungsredaktionen in Flammen aufgehen.

Ihr Kommando unter Jarnail Singh Bhindranwale dirigierte das blutige Geschehen vom Goldenen Tempel in Amritsar aus. Der Tempel des Friedens war in eine waffenstarrende Festung verwandelt worden. Eine in den USA, Kanada und Großbritannien sitzende "Exilregierung" gab bereits Pässe, Banknoten und Briefmarken des Fantasiestaates heraus und finanzierte die Bewegung. Auch Industrielle und Großgrundbesitzer aus der Sikh-Gemeinschaft förderten den Abspaltungstrend. Sie hatten in dem Unionsstaat starke ökonomische Positionen und glaubten, diese würden sich nicht ausreichend in politischer Macht widerspiegeln.

Die "Khalistan"-Bewegung wurde von verschiedenen Fraktionen der Regionalpartei Akali Dal getragen. Zu deren Forderungen gehörten anfangs mehr Rechte für die Sikhs und die Neuaufteilung des Himalaja-Wassers zwischen Punjab, Haryana und Rajasthan sowie die Umwandlung der Doppelhauptstadt Chandigarh zur alleinigen Metropole Punjabs. Ministerpräsidentin Indira Gandhi zeigte sich nur halbherzig zu Zugeständnissen bereit. Ihre Kongresspartei ließ die Extremisten jedoch aus wahltaktischen Erwägungen - und weil sie wohl die Gefahr unterschätzte - lange gewähren. Am Ende stand Indiens staatliche Einheit auf dem Spiel und Indira Gandhi sah sich zum ultimativen Schritt gezwungen - den Goldenen Tempel angreifen zu lassen.

Unter hohen Verlusten auf beiden Seiten wurde die "Khalistan"-Zitadelle gestürmt. Die teilweise Zerstörung des Tempels erfüllte die Sikhs mit Schmerz und Wut. Bhindranwale selbst kam bei der Operation "Blue Star" ums Leben, doch die Bewegung war damit nicht ausgelöscht. Viereinhalb Monate später rächten sich die Extremisten, indem sie zwei Sikh-Leibwächter Indira Gandhis dazu anstifteten, die Premierministerin am 31. Oktober 1984 zu erschießen. Das wiederum löste insbesondere in der Hauptstadt New Delhi eine grausame Verfolgung der Sikhs aus. Ein rasender Mob massakrierte tausende unschuldige Menschen und plünderte ihr Hab und Gut. Die ungezügelte Gewalt leitete erneut Wasser auf die Mühlen der "Khalistanis". Jahre dauerte es, bis sich unter der eisernen Hand eines Sikhs, des Polizeichefs K.P.S. Gill, die Lage in Punjab normalisierte, Gesetz und Ordnung respektiert wurden und die Wunden zu vernarben begannen. Heute ist von "Khalistan" keine Rede mehr.

In dem Unionsstaat regierte in den 90er Jahren die Sikh-Partei Shiromani Akali Dal im Bündnis mit der Indischen Volkspartei (BJP). Da die Koalition ihre Versprechungen nicht erfüllen konnte, kehrten ihr viele Bürger den Rücken und wählten unerwartet die Kongresspartei. Chefminister ist seither der Sikh Amarinder Singh. Bei den jüngsten Parlamentswahlen jedoch erhielt die Kongresspartei in Punjab keine Stimmenmehrheit. Dass nun erstmals ein Sikh, Dr. Manmohan Singh, Indien regiert, fand freilich auch die Zustimmung jener Punjabis, die nicht für die Kongresspartei votiert hatten. Sie alle hoffen, dass die noch immer bestehenden Probleme wie etwa die Wasseraufteilung und der Wunsch nach einer eigenen Hauptstadt, endlich von einem Mann aus ihrer Mitte gelöst werden.

Quelle: Der Artikel erschien am 8. Juni 2004 in leicht gekürzter Fassung in der Tageszeitung Neues Deutschland.

Kommentare

Als registriertes Mitglied können Sie einen Kommentar zu diesem Beitrag verfassen.